Aug 6, 2008

Panticosa

Xavi wollte schon seit zwei Jahren eine Route machen, die unter anderem die Besteigung der drei Höllengipfel (Los Infiernos) beinhaltet. Seit ich wieder zurück bin hat sich die Planung schnell soweit konkretisiert, dass wir mit Hilfe eines sehr hilfreichen Buches eine sehr interessante Route zusammenstellen konnten. Sie sah vor, von den Baños de Panticosa zum Collado de Pondiellos (Collado = Sattel) auf 2800m aufzusteigen, dort zu schlafen und dann am nächsten Tag zunächst den Arnales und die 3 Gipfel der Infiernos zu machen, zum Collado zurückzukehren, die Schlafsachen einzusammeln und dann die Punta de Pondiellos und den Garmo Negro zu besteigen, von diesem geht es zum Collado de Argualas hinab und auf der anderen Seite hinauf zu den zwei Gipfeln des Algas und zu guter Letzt den Argualas. Diese sehr lange Route hätte also 9 3000er und weit über 1400 Höhenmeter beinhaltet, und zum grössten Teil wäre es nötig gewesen den schweren Rucksack mit den Schlafutensilien mitzuschleppen. Die Route hätte aber auch eine Reihe von Ausgängen geboten, so dass man sie bei Bedarf hätte abkürzen können.

Hätte, wenn und aber .... man merkt es bereits: wir hatten uns da anscheinend etwas viel vorgenommen.
Wo geht's lang? Xavi scheint's zu wissen.

Wir fuhren am Freitag den 01.08. zudritt um kurz nach eins aus Manresa los; ein Kumpel Xavis namens Jordi war noch dabei. Um etwa 18 Uhr waren wir an den Baños de Panticosa auf etwa 1600 Höhenmetern und aufbruchbereit, nachdem die beiden noch ziemlich lange ihre Rucksäcke neupacken mussten. Da dort gerade ein grosser, hässlicher Hotelkomplex gebaut wird und dort alles total umgewühlt ist, fanden wir etwa 30 Minuten lang keinen Weg aus der Baustelle heraus, bevor es dann wirklich losging.

Der Weg beginnt von Anfang an ziemlich steil. Auf etwa 2200 Metern kommt eine Abzweigung, die nicht in der Karte verzeichnet war. Jordi war bereits hier ziemlich langsam unterwegs, da er Probleme mit den Füssen hatte. Wir stiegen weiter auf und fanden auf etwa 2500m einen für die Übernachtung gut geeigneten Ort, an dem es ziemlich eben war und teilweise Gras wuchs, während sich der Rest der Landschaft durch Steilheit und Steinigkeit auszeichnete. Da es bereits kurz vor Einbruch der Dunkelheit war und es ganz und gar nicht danach aussah, dass wir demnächst noch einen guten Platz finden würden, schlugen wir unsere Lager auf. Es handelte sich zwar nicht um den Ort, an dem wir geplant hatten zu schlafen, doch stimmten wir alle überein, dass es schwer werden dürfte einen besseren Schlafplatz zu finden.
Bei den Bergen am Horizont dürfte es sich um Ordesa handeln
Die beiden fanden kleine ebene Plätze neben einer Schutz bietenden Wand, während ich mich weiter ins Freie legte um den kompletten Sternenhimmel sehen zu können. Da keine Wolken die Sicht versperrten und ich eh immer Einschlafprobleme habe, konnte ich eine ganze Weile die Sterne angucken. Ich sah 5 Sternschnuppen, von denen eine ziemlich gut war und bestimmt 30 Satelliten. Sogar ein Satellitenduo konnte ich ausmachen. Sie schienen in konstanter Entfernung, ziemlich nah zu einander den Himmel zu überqueren. Ausserdem glaube ich, dass ich die ISS gesehen habe, denn ein Satellit war sehr sehr hell (etwa so, wie der hellste Stern, der aber auch Venus gewesen sein könnte) und verblasste dann innerhalb von ein paar Sekunden zu einem normalen Satelliten. Da ich noch ein paar weitere Male aufwachte konnte ich am Verlauf der Milchstrasse sogar die Erdrotation erkennen... ich wüsste nicht, dass ich dies jemals selbst beobachtet hätte.

Noch bevor es richtig hell wurde wachten wir ohne Wecker auf. Dem Jordi hat sein erstes Biwack nicht gefallen - scheinbar hatte seine (aufblasbare) Isomatte ein Loch und er konnte wegen eines kalten Rückens nicht schlafen. Ich hatte die Nacht jedoch genossen wie nie zuvor. Ein bisschen warm war es mit dem Fliesspullover im Daunenschlafsack, doch ist das immernoch besser als zu frieren.

Weiter ging es dem Berg hinauf. Auf etwa 2700m erwarteten wir einen Abzweiger den wir nicht fanden. Vor uns sahen wir bereits den schneebedeckten Sattel, doch als wir dort ankamen stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass es sich nicht um einen Sattel handelte, sondern um eine kleine Hochebene. Der eigentliche Sattel lag noch etwa 500m vor und 100m über uns. Dort angekommen warf ich einen Blick auf die Karte. Die Landschaft auf der anderen Seite des Bergkammes stimmte nicht mit dem überein, was ich erwartet hatte. Anhand weiterer Beobachtungen merkte ich, dass wir uns nicht am Collado de Pondiellos, sondern am Collado de Argualas befanden. Ein Blick auf Jordis Höhenmesser bestätigte dies - wir befanden uns auf etwa 2940m.
Ein Blick über den Collado...der Berg rechts oben ist der Midi d'OsseauJordi sorgt für etwas Farbe
Dementsprechen mussten wir unseren Plan modifizieren. Wir würden also die Rucksäcke hier lassen und zunächst die beiden Gipfel des Algas machen, über den Grat den Argualas besteigen, zurückkehren, die Rucksäcke einsammeln, den Garmo Negro besteigen und dann weiterplanen. Jordi beschloss direkt zum Garmo Negro zu gehen und dort auf uns zu warten.
Hier sieht man den Balaitus - den westlichsten der pyrinäischen 3000er

So legten Xavi und ich los.
Ungefähr zur selben Zeit, als Jordi auf dem Garmo Negro ankam, erreichten wir den nördlichen Gipfel des Algas.
Jordi auf dem Garmo Negro (3051m)
Kurz danach standen wir auf dem Hauptgipfel.
Am Hauptgipfel des Algas (3036m)
Ein Punkt des Grates zum Argualas war etwas heikel und sorgte zumindest bei mir für eine kurzzeitige Adrenalinausschüttung. Da der Fels total splitterig war musste man jeden Griff und Tritt vor jeder Belastung gut auf Festigkeit überprüfen. Und genau an jenem Punkt gab ein Tritt nach und einige Steine stürzten ziemlich laut in die Tiefe.
Der "Weg" zum Gipfel des Argualas (3046m)
10 Sekunden später befand ich mich allerdings bereits an einem wesentlich gemütlicheren Punkt. Hier sahen wir, dass wir es einen sehr viel eleganteren Weg gab, der den konfliktiven Punkt umgangen hätte. Xavi bewegte sich da oben im Gegensatz zur mir übrigens mit einer grazilen Agilität von der ich nur träumen kann und tat dies ausserdem schneller. Flux ward auch der Argualas bezwungen. und etwa 30 Minuten später befanden wir uns bei Jordi auf dem Garmo Negro. Er berichtete, dass er er sich ernsthafte Sorgen gemacht hatte, als er die Steine poltern hörte.
Mittlerweile trudelten auch jene Menschen ein, die ihren Aufstieg morgens im Tal begonnen hatten, so dass wir uns nicht allein auf dem Gipfel befanden.

Nun sah der Plan vor, vom Garmo Negro zur Aguja de Pondiellos zu steigen, und von dort aus über einen Grat doch noch zum Collado de Pondiellos zu gelangen. Jordi sagte zu, zum Collado mitzukommen, von dort jedoch abzusteigen. Laut des bereits erwähnten Routenplanerbuches hatten wir nun den schwierigsten Schritt vor uns, den wir ausserdem absteigend in entgegengesetzter Richtung tätigen wollten.
Vom Grat zum Argualas sieht man gut die sogenannte "Marmolera" - ein Stück Berg aus Marmor, die zwischen dem zentralen und dem westlichen Gipfel der Infiernos liegt Unser Aufstieg zu den Infiernos wäre der Kanal gewesen, den man zwischen dem rechten und dem mittleren Gipfel erahnen kann - sieht auch nicht gerade leicht aus
Bereits die Annäherung an diesen etwa 25m tiefen Einschnitt war ziemlich heikel. Den eigentlichen Abstieg wollte ich dann nicht mehr machen. Auch Jordi schien mit meinem Einwand glücklich zu sein. Xavi jedoch wollte, da ihn in Luftlinie nur wenige Meter von der 3011m hohen Aguja de Pondiellos trennten, auch diese bezwingen. Ohne Rucksack begann er den Abstieg, während wir auf ihn warteten und die Aussicht genossen. Etwa 15 Minuten später trat er auf der anderen Seite der Bresche wieder in unser Blickfeld ein und wenig später kam er am Gipfel an, den mittlerweile auch 3 Personen über den Grat auf der auf deren Seite erreicht hatten. (siehe Foto links)

Erst als wir wieder zusammen waren sprachen wir über die Möglichkeit, uns getrennt von unseren Rucksäcken in die Bresche abzuseilen, und doch noch den Ausflug wie geplant fortzusetzen, doch schien es den beiden mittlerweile ohnehin schon zu spät zu werden, wobei für Jordi ohnehin feststand, dass er keine weiteren Gipfel mehr machen wollte.

Wir kehrten also um und begannen den Abstieg ins Tal. Jordi hatte von Anfang an starke Schmerzen in den Füssen und dadurch bedingt grosse Probleme aber auch mir tat etwa ab der Hälfte des Weges ganz besonders mein rechter Fuss weh, der zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels durch einen roten Fleck unter dem Zehnagel des grossen Zehs auszeichnet. Der Abstieg ist ohnehin bekannt dafür, körperlich ziemlich zehrend zu sein, denn es geht relativ steil über 1400 Höhenmeter hinab. Das ist zwar schnell, kann mitunter aber auch ziemlich nerven. Die von uns verfolgten Steinmännchen nahmen einen anderen Weg, als den, den wir aufgestiegen waren. Dieser führte zunächst unterhalb unseres eigentlichen Ziels, dem Collado de Pondiellos, vorbei, und erst an der nicht verzeichneten Abzweigung des Vortages kamen wir auf den uns bekannten Pfad. Nun wussten wir auch, warum wir unser Ziel verfehlt hatten. Bei dem Abzweiger handelt es sich um den Weg, der laut Karte erst auf 2700m liegen sollte...
Jordi benutzte zum Schluss Xavis Wanderstöcke als Krücken und wartete unten an den Baños auf uns, während wir sein Auto holten um ihn einzuladen. Er hat von dem Ausflug bestimmt nicht allzu viel genossen.

Wir haben zwar leider nicht die Infiernos besteigen können, doch hat zumindest Xavi und mir der Ausflug trotzdem gute gefallen. Wenn wir das nächste Mal wiederkehren, dann machen wir die schönere Route, die an den Bachimaña-Seen vorbeiführt.

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